Lebensbegleitung im Haus
Königsborn
Skizze zu einer Studie über aktivierende Konzepte
und Praktiken in der Therapie, Pflege und Betreuung von Menschen im
Zustand "Wachkoma"
Personen, die mehr als nur punktuell mit Menschen im Zustand "Wachkoma" zu tun haben, attestieren diesen in aller Regel nicht lediglich stereotype Appräsentationsautomatismen, sondern auch zumindest situationsbezogene individuelle Ausdrucksformen, deren Unwillkürlichkeit oder Willkürlichkeit allerdings zu großen Teilen schwer zu deuten ist, denn sehr oft beschränken diese Ausdrucksformen sich auf Variationen der Atmung, der Augenbewegungen, der Mimik, der Produktion von Lauten und der Körperhaltung, appräsentieren nicht- oder allenfalls quasi-bewusste akute Befindlichkeiten und sind vor allem in den meisten Fällen nicht mit intersubjektiv ‚zufriedenstellender' Verlässlichkeit evozier- bzw. abrufbar.
Die ‚Philosophie' des Hauses Königsborn, einer Modelleinrichtung des Landes NRW, besagt - vereinfacht formuliert -, dass ‚alles', was geschieht, auf die (wie auch immer konstatierten) Belange des individuellen, im Zustand "Wachkoma" befindlichen Menschen abgestellt sein soll, dass er den je mit ihm befassten Therapeuten und Pflegekräfte Geschwindigkeit und Rhythmus für (Inter-)Aktivitäten vorgeben, dass er hier nicht Patient, sondern eben vor allem Bewohner sein soll, der sein Lebenszentrum in der Einrichtung hat, und dass Besucher (und auch Angehörige gelten als Besucher) zwar jederzeit (und tatsächlich zu jeder Zeit, denn es gibt keinerlei Einschränkungen der Besuchszeiten) willkommen sein, dass sie aber nicht als ‚essentiell' für den Alltag des Bewohners, sondern eher als bereichernde Abwechslung begriffen werden sollen. Die gesamte Konzeption des Hauses Königsborn scheint ideell, organisatorisch und personell am Prinzip der "Begleitung" (d.h.: nicht Fordern, sondern Fördern) des Bewohners ausgerichtet zu sein.
Gerade aber weil das die Körperlichkeit betonende Gesamtkonzept unter den Mitarbeitern im Haus Königsborn vermutlich (hinlänglich) konsensuell ist, ist es unabdingbar, das oft subtile Wechselverhältnis zwischen Therapeuten und Pflegekräften hier und Menschen im Zustand "Wachkoma" da und daraus ‚erwachsende' Deutungen der Bewohner genau zu beobachten. Von einer (von Herbst 2009 bis Herbst 2010 laufenden) ethnographischen Fallstudie und deren interpretativer Auswertung erwarten wir dementsprechend valide Erkenntnisse über die alltägliche - therapeutische, pflegerische, betreuerische - Beobachtung, Ausdeutung und ‚Bearbeitung' von Befindlichkeiten, Empfindungen, Wahrnehmungen und Äußerungen von Menschen im Zustand "Wachkoma":
Mittels teilnehmender Beobachtung werden organisatorische Struktur- und Rahmenbedingungen sowie vor allem Arbeitspraktiken, Interaktionsweisen und Aktivierungsstrategien im alltäglichen therapeutisch-pflegerisch-betreuerischen Umgang mit Menschen im Zustand "Wachkoma" identifiziert und registriert. Hierbei wird das Sample der Studie konturiert und erste Hypothesen werden generiert. Das möglichst intensive "Mit-Sein" im Feld - bzw. soweit möglich auch die Mit-Wirkung bzw. Mit-Arbeit in diesem (also die beobachtende Teilnahme) - zielt insbesondere darauf ab, Voraussetzungen für gegenseitiges Vertrauen zwischen den in die Studie involvierten Forscher, Mitarbeitern, Bewohnern, Angehörigen bzw. Besuchern und medizinischen und juristischen Betreuern zu schaffen.
Auf der Basis dergestalt intensiver Teilnahme am und der Involviertheit in das "Geschehen" werden mittels nichtteilnehmender Beobachtung ‚systematisch', d.h. gezielt und strukturiert zuvor auffällig gewordene und/oder fraglich gebliebene organisatorische Rahmenbedingungen, interaktive Routinen und Handlungsstrategien von Therapeuten, Pflegekräften, Betreuern und Angehörigen sowie Verhaltensweisen von Menschen im Zustand "Wachkoma" erschlossen. Dabei werden z. B. Regelmäßigkeiten, aber auch Unregelmäßigkeiten in alltäglichen und kriseninduzierten Interaktionen erfasst und die zuvor generierten Hypothesen überprüft und ggf. modifiziert. Neben allgemeinen Beobachtungen, die im Regelfall zu variablen Zeitpunkten stattfinden, werden vor allem solche Therapie- und Pflegesituationen in den Blick genommen, die durch spezifische Arbeitsaufgaben gekennzeichnet sind (z. B. unterschiedliche therapeutische Maßnahmen, Körperpflege, Behandlungspflege, Transfers, Nahrungszufuhr bzw. Essensanreichungen, Begrüßungen, interaktionsbegleitende Verbalisationen, Verabschiedungen). Die Beobachtungsphasen werden über den gesamten Tagesverlauf (24 Stunden) verteilt und schließen sämtliche Zeiträume ein, auch jene, die nicht durch zeitstrukturierende Tätigkeiten gekennzeichnet sind (z. B. Phasen am Nachmittag, am späten Abend, in der Nacht und am frühen Morgen).
Die mittels Beobachtungen (und Videodaten) gewonnenen Erkenntnisse dienen auch als Grundlage für Leitfäden zu Interviews mit den (in irgendeiner Weise) involvierten Therapeuten, Pflegekräften, sonstigen Mitarbeitern und Besuchern. Diese Interviews sollen mit Blick auf die in der Studie interessierenden Fragestellungen das jeweils explizierbare Wissen der Beteiligten erschließen und die Beobachtungs- und Gesprächsdaten ergänzen. Rekonstruiert werden soll, unter welchen Umständen und in welchen Situationen sich die mit Menschen im Zustand "Wachkoma" wie auch immer befassten Personen aus welchen Gründen für welches Tun oder Lassen entschieden haben. Eruiert werden soll schließlich (indirekt) auch, inwieweit sich durch die Ausbildung in und die Anwendung von als "aktivierend" geltenden Therapie-, Pflege- und Betreuungskonzepten neben den beobachteten praktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten und dem praktischen "Fachwissen" (also sozusagen neben ihren berufsspezifischen Kompetenzen) bei den Therapeuten und Pflegekräften auch Reflexionswissen in einem ein hermeneutisch-fallverstehenden Sinne entwickelt (hat).
Die Studie wird durchgeführt von Dr. Frank Mücher und Prof. Dr. Ronald Hitzler in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Annette Grewe und Prof. Dr. Helma Bleses (beide Hochschule Fulda) sowie mit Dr. Thomas Beer (EVIM Gemeinnützige Altenhilfe GmbH, Wiesbaden).
Kontakt:
Dr. Frank Mücher
Prof. Dr. Ronald Hitzler